Eine eindrückliche Politkarriere

Als «Effizienteste» im Thurgauer Parlament wurde Brigitte Kaufmann vor Kurzem in der Thurgauer Zeitung bezeichnet. Die ehemalige Uttwiler Gemeindepräsidentin ist aber weit mehr als das: Zielgerichtet und mit viel Herzblut kämpft sie für mehr Wirtschaftsfreundlichkeit, weniger Staat und verteidigt hartnäckig den Liberalismus. In vier Monaten wird die einflussreiche Politikerin, die auch in ihrer Freizeit ausdauernd unterwegs ist, aller Voraussicht nach zur höchsten Thurgauerin gewählt.

«Ich kann auch einmal sehr unbequem sein», gibt Brigitte Kaufmann mit einem Schmunzeln zu. Doch das brauche es in der Politik – hin und wieder – äusserlich ruhig, innerlich auf der Palme: Wenn etwa Technologieverbote beschlossen werden, anstatt alle technischen und technologischen Optionen offen zu halten, wenn neue unnötige Gesetze erlassen werden oder unnötige Verwaltungsabläufe der Industrie und dem Gewerbe Steine in den Weg legen. Wenn sich Brigitte Kaufmann, die als Gemeindeammann den Aufstieg von Uttwil massgeblich prägte, etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht sie es durch. Die FDP-Kantonsrätin weiss, wo sie Allianzen suchen muss, bereitet sich stets akribisch auf Geschäfte vor und überzeugt zuweilen auch politische Gegner mit ihrem vertieften Wissen. Auch deshalb sind ihre Vorstösse meist erfolgreich. Erst kürzlich überwies der Grosse Rat ihre Motion «Ein moderneres Gastgewerbegesetz – damit die Vielfalt bleibt» oder unterstützte ihren Antrag zur «Regulierungsbremse».

Erfolg kommt nicht von ungefähr

Auch in Abstimmungskämpfen packt Brigitte Kaufmann mit Überzeugung an, baut Brücken, ist ausdauernd und der Inbegriff einer Möglichmacherin. So wie das kantonale Steuergesetz – eine Herzensangelegenheit der Uttwilerin – vor einem Jahr beim Thurgauer Stimmvolk so überzeugend und in 79 von 80 Gemeinden gutgeheissen wurde, hat im Voraus kaum einer für möglich gehalten. Auch als gewählte Vizepräsidentin des Grossen Rates ist sie sich nicht zu schade, morgens um fünf Uhr bei Temperaturen nahe am Gefrierpunkt an Bahnhöfen Flyer zu verteilen. «Je älter ich werde, um so werterhaltender werde ich, was mein Verhältnis zu unserem Staat anbelangt. Rechtsstaatlichkeit, eine freiheitlich-demokratische Grundordnung, Subsidiarität, Föderalismus, die meines Erachtens zu Unrecht verschriene Konkordanz und Eigenverantwortung sind sehr zentrale Werte für mich», sagt Brigitte Kaufmann. In gesellschaftspolitischen Fragen sei sie unverändert liberal. «Der Staat soll sich so wenig wie möglich einmischen.»

Marx zum Bügeln

Brigitte Kaufmann hat auf allen Ebenen ihres Hauses randvolle Büchergestelle. Als Schwerpunkt fallen viele Schweizer Autoren auf – unter ihnen ihre Lieblingsautoren Jürg Federspiel und Thomas Hürlimann. «An Hürlimann beisse ich mir ab und zu die Zähne aus», lacht die Vollblutpolitikerin, die offen gesteht, dass sie sich während des Bügelns auch einmal eine Biografie von Marx anhören kann und von der Lebensgeschichte des Begründers der Deutschen Sozialdemokratie, August Bebel, beeindruckt ist.

Im Einer von Basel nach Rotterdam

Im Kanton Bern in einem wirtschaftsliberalen und freien Umfeld aufgewachsen, waren jede Art von Musik, Literatur und Freizeitgestaltung erlaubt. Grenzen gab es trotzdem: Als Kind musste sie ein Paar Ski mit ihren vier Brüdern teilen. Heute hat die 62-jährige, begeisterte Alpinskifahrerin und Langläuferin mehrere davon. «Sport hat bei mir aber nichts wettbewerbsmässiges» Wichtig sei es ihr, draussen in der Natur zu sein. Diese Liebe lebt sie auch auf dem Wasser. Mutterseelenallein rudert die selbständige Kommunikationsberaterin auf dem Bodensee, wagt sich auf ihrem Ruderboot von Basel nach Rotterdam oder im Einer entlang der Atlantikküste. «Eigentlich bin ich mit meiner Körpergrösse völlig ungeeignet zum Rudern», lacht die ausdauernde Ruderin. Ganz alleine auf dem See zu sein, sei etwas ganz Besonderes. Besondere Momente wird Brigitte Kaufmann auch erleben, wenn sie – fünfeinhalb Jahre nach ihrem Amtsgelübde im Kantonsrat – am 26. Mai 2021 als Präsidentin des Grossen Rates zur höchsten Thurgauerin gewählt wird. «Ich freue mich auf diese Aufgabe – falls ich denn gewählt werde – und den Kür-Bereich mit all den Begegnungen im ganzen Thurgau, dem Austausch und Eintauchen in all die schönen Gegenden des Kantons.»